Als im Reh Zwanzig die Saiten schwangen

Ein Abend im Jahr 1958

Manchmal stecken in alten Schuhkartons kleine Zeitmaschinen. Drei Schwarz-Weiß-Fotografien, die uns vor Kurzem erreicht haben, zeigen einen jener Abende, wie sie sich unsere Eltern und Großeltern heute noch zurückwünschen: eine ausgelassene Feier im Reh Zwanzig, anno 1958.

Tanz, bis die Diele glühte

Auf dem ersten Bild wippt der Saal im Takt: Paare kreisen in engem Schritt über das Parkett, die Herren in dunklen Anzügen mit schmal geschnittener Krawatte, die Damen in karierten und gemusterten Kleidern, mit hochgesteckten Wellenfrisuren und bescheidener Perlenkette. Wer genau hinsieht, entdeckt am Rand einen jungen Mann im Pullover, der ungerührt zur Kamera blickt und den Eindruck erweckt, als hätte er den rauchigen Abend längst als gewonnen abgehakt.

Zwei Akkordeons, ein Schlagzeug

Das zweite Foto ist unser heimliches Lieblingsstück: die Hauskapelle mittendrin im Satz. Zwei Akkordeonspieler und ein Schlagzeuger entspannt im Gespräch, der Trommler trägt eine weiße Blume am Revers, und der rechte Akkordeonist stemmt sein Instrument samt brennender Zigarette in einer Hand – gewiss kein Lehrbuch für Bühnenetikette, aber ein Lehrstück an Lässigkeit. Davor, teils verschattet, die Köpfe des Publikums: Niemand geht zum Buffet, solange gespielt wird.

Eine Gesellschaft, ein Glas, ein Lachen

Das dritte Bild schließlich zeigt die ganze Runde: gut ein Dutzend Frauen und Männer um die gedeckten Tische versammelt, gesellig, vertraut, mit erhobenem Glas und Lachen, das man beim Betrachten beinahe zu hören meint. Ein älterer Herr im gestreiften Sakko lächelt stolz in die Linse – vielleicht der Wirt selbst, vielleicht auch nur ein Stammgast, der an diesem Abend König für einen Tag war.

Warum uns diese Bilder viel bedeuten

Niemand auf diesen Fotografien posiert für die Ewigkeit. Man lacht mitten im Gespräch, dreht sich mitten im Tanz, spielt mitten im Takt und genießt den Moment. Spontane Schnappschüsse aus dem Leben. Das Reh Zwanzig war schon immer ein Ort, an denen Menschen zusammenkommen – zum Feiern, zum Musizieren, zum Bleiben. Heute kommen zu den Akkordeons die Streaming-Dienste, das Röhrenradio wurde abgelöst durch 5.1-Systeme und Grossbild-Displays mit Fussball-Übertragungen. Aber was diese Bilder erzählen ist: das, worauf es ankommt, hat sich seit Jahrezehnten nicht verändert. Menschen kommen zusammen um eine schöne Zeit miteinander zu verbringen. Bei uns sind Sie nicht nur Gast – Sie gehören zur Geschichte.

Bilder: Privatbesitz, Stammgast Reh Zwanzig, 1958; mit freundlicher Genehmigung